Einheit 731 – Menschenexperimente, Menschenmühle, Menschenschlächter

Dieser Beitrag wurde als Teil der Roten Linien #16 anlässlich des 80. Jahrestag des Kriegsende in Asien und zu den Veranstaltungen am 01.09. veröffentlicht. Die Vollversion der RL #16 finden sich hier.

 

Am 13. August 2024 besucht der 94 Jahre alte Hideo Shimizu die chinesische Stadt Harbin, vormals Sitz des Hauptquartiers der geheimen japanischen Biowaffen-Forschungsabteilung „Einheit 731“. Er war schon einmal dort gewesen, 79 Jahre vorher, als er etwa 4 Monate vor der bedingungslosen Kapitulation Japans als Teil des Jugendkorps an Einheit 731 zugeteilt wird. Im Alter von 14 Jahren ist es seine Aufgabe, die Überreste der „Marutas“ zu sammeln und zu vernichten. „Maruta“ übersetzt bedeutet „Feuerholz“, und war das vorgeschriebene Wort, um sich auf die Opfer der Menschenexperimente zu beziehen. Durch diese totale Entmenschlichung sollte jede Form von Empathie des Personals gebrochen werden.

In den letzten Tagen von Einheit 731, als sich die Befreier der Roten Armee rapide nähern, werden alle verbleibenden Gefangenen und Zwangsarbeiter ermordet, alles verbrannt was brennbar ist, die Gebäude gesprengt. Am 13. August 1945 verlässt Hideo Shimizu schließlich mit dem restlichen Personal der Einheit 731 das besetzte China.

Jetzt ist er zurückgekehrt, um sich für die unermesslich grausamen Verbrechen an Chinesen, Koreanern, Mongolen und Sowjetbürgern zu entschuldigen. Zudem bringt er wertvolle Informationen mit, die helfen, die wahre Natur der unmenschlichen Machenschaften von Einheit 731 weiter aufzuklären. Von chinesischer Seite wird die Geste sehr positiv aufgefasst, in Japan aber wird Hideo Shimizu schwer dafür angegriffen, sowohl von der Öffentlichkeit als auch von Politikern. In seiner Heimat werden die Kriegsverbrecher der imperialistischen Invasion, inklusive der von Einheit 731, immer noch als Märtyrer und Helden des Landes geehrt, am Yasukuni Schrein im Herzen Tokyos. Die kleine Gemeinde an Friedensaktivisten, die Hideo Shimizu die Reise durch Spenden finanziert hat, ist dagegen machtlos. Japan ist immer noch das Land, dass stolz hinter Einheit 731 steht.

 

Menschenexperimente

 

Angestoßen wird das Projekt durch General Shirō Ishii, der 1930 von seinen Reisen durch Europa und die USA zurückkehrt, und von der Notwendigkeit überzeugt ist, dass Japan nur durch ein fortschrittliches Biowaffenprogramm Teil der herrschenden imperialistischen Nationen werden kann. Die erste Experimentieranlage wird 1933 in der seit 1931 japanisch besetzten chinesischen Dongbei Region (Mandschurei) errichtet, unter dem zynischen  Decknamen „Abteilung für Epidemieprävention und Wasserversorgung der Kwantung-Armee“. Der Standort wird aufgrund des einfachen Zugangs zu chinesischen Testsubjekten gewählt, an denen die Effizienz verschiedener Erreger von Milzbrand, Typhus, Ruhr, Pest und weiteren getestet werden kann. In den kommenden Jahren erwächst daraus ein Netzwerk, dass bis 1945 über 26 Standorte und mehr als 20.000 Mann an Personal einfasst und seine Menschenexperimente auf mehr und mehr Gebiete ausweitet.

 

Leserwarnung: Es folgt eine Beschreibung der Experimente.

Es wurde im Allgemeinen eine strenge Kategorisierung der Opfer vorgenommen, sortiert nach Altersgruppen (Säuglingen bis hin zu Greisen), Geschlecht (mit schwangeren Frauen als eigene Gruppe), physischer Verfassung und, sofern vorhanden, Behinderungen. Hisato Yoshimura, der für Erfrierungsexperimente Verantwortlich war, sortierte beispielsweise nach Verfassung („Nach einer Nacht wach“, „Nach 24 Stunden Hunger“, „Nach 48 Stunden Hunger“, „Unmittelbar nach einer schweren Mahlzeit“, „Unmittelbar nach einer warmen Mahlzeit“, „Unmittelbar nach Muskeltraining“, „Unmittelbar nach einem kalten Bad“, „Unmittelbar nach einem heißen Bad“) und
Ernährungsgrad („Hoher Proteingehalt (tierischen Ursprungs)“, „Hoher Proteingehalt (pflanzlichen Ursprungs)“, „Geringe Proteinzufuhr“ und „Standarddiät“).

Im Beispiel der Menschenversuche mit Krankheitserregern, wurden die Opfer dann wissentlich oder unwissentlich (zB durch untermischen in der Nahrung) einer Krankheit ausgesetzt, der Krankheitsverlauf beobachtet und das Opfer schlussendlich lebend oder tot seziert. Je nach Situation wurden Körper ganz oder teilweise konserviert und aufgehoben, der Rest verbrannt. Wer eine Krankheit überlebte wurde entweder Teil neuer Experimente oder einfach ermordet und entsorgt.

Weitere Experimente im Rahmen der Biowaffenforschung waren der Zwang von Gefangenen zum Geschlechtsverkehr, um die Krankheitsübertragung zu beobachten, sowie erzwungene Schwangerschaften durch Vergewaltigung, um später Krankheitsübertragungen von Mutter an Kind beobachten zu können. Im Falle des Überlebens bis zur Geburt, wurden die Säuglinge für Experimente genutzt oder einfach ermordet.

Weitere Experimente außerhalb der Biowaffenforschung waren…
… das Erfrieren, Erhitzen, Kochen, Verbrennen, Zerquetschen und Elektroschocken einzelner
Gliedmaßen oder ganzer Menschen, je nach Situation bis zum Tod.
… das Aussetzen in Über- oder Unterdruckkammern, bis zum Platzen der Augen oder bis zum Tod.
… das Aussetzen an chemische Giftgase oder Säuren, wie Senfgas und weißem Phosphor.
… das Experimentieren mit Blut und Blutfluss, durch kopfüber Aufhängen oder Zentrifugieren von
Menschen, so wie durch das Injizieren von inkompatiblen Bluttypen, Tierblut oder Meerwasser.
… das Experimentieren mit Hunger, Dehydration, Schlafentzug und lebendigem
Mumifizieren/Begraben.
… das Testen von Waffen wie Sprengstoffen, Flammenwerfern, Schrapnellen und Bajonetten.

Die Ergebnisse der Experimente wurden Teilweise international veröffentlicht, zynisch ausgegeben als Tierversuche an „Mandschurischen Affen“.

 

„Einige der Experimente hatten überhaupt nichts damit zu tun, die Fähigkeiten der
biologischen Kriegsführung oder der Medizin voranzubringen. Es gibt so etwas wie
professionelle Neugier: ‘Was würde passieren, wenn wir dies oder jenes täten?’
Welchen medizinischen Zweck erfüllte es, Enthauptungen durchzuführen und zu studieren?
Überhaupt keinen. Das war einfach nur Spielerei. Auch Fachleute spielen gerne.“
– Nakagawa Yonezo

 

Menschenmühle

 

Die Anzahl an Menschen, die durch die Japaner in Einheit 731 ermordet wurden, ist unmöglich zu bestimmen. Zu viele Dokumente wurden vernichtet, zu viele Spuren verwischt. Das Ausmaß lässt sich aber erahnen. Alleine am Standort Harbin wurden schätzungsweise 4.500 Männer, Frauen und Kinder ermordet. In den anderen 25 Standorten schätzungsweise noch einmal deutlich mehr als 10.000. Der Hintergrund der Ermordeten ist divers: Kriegsgefangene, Gefängnisinsassen, Kommunisten ohne Prozess. Die größte Gruppe waren chinesische Zivilisten, die oft einfach auf offener Straße von japanischen Soldaten entführt wurden.

Sexuelle Gewalt gegenüber weiblichen Gefangenen war auch außerhalb von Experimenten normalisiert. Zudem waren die Anlagen von Einheit 731 an das „Trostfrauen“ System angeschlossen, ein staatlich betriebenes System der sexuellen Sklaverei, in dem entführte chinesische und koreanische Frauen den japanischen Soldaten in „Bordellen“ zur Verfügung gestellt wurden. Die japanische Regierung weigert sich bis heute dies anzuerkennen und dafür
Verantwortung zu übernehmen.

Die Anwendung der von Einheit 731 entwickelten Bio- und Chemiewaffen, beispielsweise in Chengde und Ningbo, hat schätzungsweise bis zu 580.000 weiteren Menschen das Leben gekostet. In vielen Instanzen bombardierten die Japaner mit Biowaffen die Zivilbevölkerung von Städten, bei denen sie den Widerstand der chinesischen Armeen mit konventionellen Mitteln nicht brechen konnten.

 

Menschenschlächter

 

Was wurde aus den Tätern von Einheit 731? Die meisten flohen erfolgreich zurück nach Japan. Dort schlossen sie ein Abkommen mit den Amerikanern: völlige Immunität für die Verbrecher, im Gegenzug dafür, dass sie den Amerikanern die Ergebnisse ihrer Forschung überlassen. Fast alle von ihnen hatten später erfolgreiche wissenschaftliche oder politische Karrieren, in Wohlstand und Sicherheit, unter der schützenden Hand der Amerikaner. Hier sind einige dieser Schicksale:

General Shirō Ishii: Leiter des Projekts „Einheit 731“; Lebte komfortabel bis zum Lebensende von der Militärpension eines Generals.
Hajime Uemura: Leiter der Milzbrand-Menschenexperimente; Später Leiter der Lehrbuchrevision im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.
Hisato Yoshimura: Leiter der Erfrierungs-Menschenexperimente; Später Rektor der Kyoto Universität.
Tachiomaru Ishikawa: Leiter der Pathologie; Später Rektor der Kanazawa Universität
Seiwa Tanabe: Leiter der Typhus-Menschenexperimente; Später Professor an der Kyoto Universität.
Masao Minato: Leiter der Cholera-Menschenexperimente; Später Professor an der Kyoto Universität.

 

Morgenrot

 

Die Verbrechen der japanischen Imperialisten durch Einheit 731 sind eine bittere Erinnerung daran, dass Kapital zu allem bereit ist was seiner Ausbreitung dient, egal wie viel Leid es über die Menschheit bringt. Die Kollaboration der Amerikaner mit diesen Verbrechern ist eine bittere Erinnerung daran, dass eine liberale Fassade noch so schön glitzern kann, dahinter verbirgt sich trotzdem stets die selbe unmenschliche Fratze.

Die endgültige Befreiung der Menschheit von diesem Elend kann nur die Befreiung der Menschheit von der Herrschaft des Kapitals erreichen. Das chinesische Volk hat diese bittere Lektion gelernt und verinnerlicht. Sie haben Imperialisten und Reaktion aus ihrem Land vertrieben, die Volksrepublik geschaffen und eine kommunistische Friedensmacht erbaut.

Von diesem Erbe müssen wir lernen, wenn wir die Lektionen unserer eigenen Geschichte nicht vergessen wollen, von Auschwitz bis Gaza.

Nie wieder wird es auf chinesischem Boden Faschismus geben!

Nie wieder wird es auf chinesischem Boden imperialistische Kriege geben!

Nie wieder wird es auf chinesischem Boden eine Einheit 731 geben!

Nie wieder!