Dieser Beitrag wurde als Teil der Roten Linien #16 anlässlich des 80. Jahrestag des Kriegsende in Asien und zu den Veranstaltungen am 01.09. veröffentlicht. Die Vollversion der RL #16 finden sich hier.
Am 6. August 1945 um 8:15 wird im US-Bomber Enola Gay der Abwurf der Atombombe Little Boy über Hiroshima ausgelöst. Pilot Paul Tibbets beginnt das Ticken seiner Uhr zu zählen. Jeder Tick eine Sekunde näher am ersten Atomwaffeneinsatz der Geschichte. Beim 43. Tick misst der Höhenradar der Bombe 580m, die Zündsequenz startet. Eine konventionelle Explosion feuert einen Uran-Projektil durch einen Lauf in einen Zielzylinder. Bei der Kollision erreicht das Uran in Little Boy superkritische Masse – die nukleare Kettenreaktion beginnt: Freigesetzte Neutronen spalten Urankerne, setzten Energie und weitere Neutronen frei, die mehr Kerne spalten.
Etwa 1 Mikrosekunde trifft ein Lichtblitz heller als die Sonne Hiroshima. Dieser Hitze-Puls lässt in einem Radius von einigen Kilometern alles entflammen, was er berührt: Kleidung, Haut, Plastik, Haare, Holz. Die “Schatten von Hiroshima” werden in den Asphalt geprägt. Bevor die Uhr das 44. mal tickt, brennt Hiroshima.
Ein Feuerball mit 200m Durchmesser, heißer als die Sonne, erhebt sich über der Stadt. Gigantische Hitze und Strahlung komprimieren die Luft um das Feuer und erzeugen eine rasend schnelle Schockwelle. Beim 45. Tick erst trifft diese die Stadt und pulverisiert nahezu jede Struktur in einem Radius von etwa 1,5km. Der entstehende Unterdruck zieht frische Luft in Richtung der Explosion. Ein Föhn, der das eigentliche Inferno entflammt.
Als die Crew der Enola Gay ab dem 48. Tick die aufsteigende Pilzwolke beobachtet, sind etwa 70.000 Menschen bereits tot. Hiroshima liegt in flammenden Trümmern. Das Feuer, die Strahlung, Einstürze töten in den nächsten Stunden weitere Zehntausende. Bis Ende 1945 werden es über 140.000 sein. Am 9. August wiederholt sich die Apokalypse in Nagasaki. Weitere 70.000 Menschen werden vom nuklearen Feuer verschlungen. Der Preis, um Japan zur Kapitulation zu zwingen und eine Invasion des Festlands zu vermeiden. Um Leben zu retten – wird es heißen.

Am selben Tag tritt die Sowjetunion in den Pazifik-Krieg ein. Die Rote Armee wird in nur 11 Tagen die japanische Kwantung Armee in der Mandschurei und damit den japanischen Zugriff auf das asiatische Festland zerschlagen. Die Versorgung der kaiserlichen Armee wird damit unmöglich.
Am 15. August spricht Kaiser Hirohito als erster japanischer Kaiser der Geschichte zum Volk. In einer Radiodurchsage, in kaum verständlichem Klassischen Japanisch und mit Verweis auf die beiden Atombomben, kündigt er an: Japan kapituliert bedingungslos.
Im Geiste Madeleine Albright’s scheint der Preis es wert gewesen zu sein.
Doch:
Militärische Nutzlosigkeit
Bereits 1946 stellte eine Untersuchung der US Luftwaffe zur strategischen Bombardierung im Zweiten Weltkrieg fest, Japan hätte aller Wahrscheinlichkeit nach “kapituliert, selbst wären die Atombomben nicht abgeworfen worden, selbst wenn Russland nicht in den Krieg eingetreten wäre und selbst wenn keine Invasion geplant oder erwogen worden wäre”. Chester W. Nimitz, Oberbefehlshaber der alliierten Marine im Pazifik, erklärte, die Atombombe “spielte keine entscheidende Rolle, von einem rein militärischen Standpunkt, bei der Niederlage Japans”. William D. Leahy, erster Flottenadmiral der US Marine, schrieb in seinen Memoiren, sie sei “keine materielle Hilfe in unserem Krieg gegen Japan [gewesen]. Die Japaner waren bereits besiegt und wegen der Seeblockade und der erfolgreichen Bombardierung durch konventionelle Waffen bereit zu kapitulieren.”
Sogar Eisenhower, späterer Präsident und Oberbefehlshaber der alliierten Kräfte in Europa, sagte “die Japaner waren bereit zu kapitulieren und es war nicht notwendig, sie mit diesem schrecklichen Ding anzugreifen”. Japan habe zu diesem Zeitpunkt “einen Weg gesucht, mit minimalem Gesichtsverlust zu kapitulieren”, der Einsatz sei “komplett unnötig gewesen […] um amerikanische Leben zu retten”.
Friedensfraktion in Tokio
Tatsächlich war im Sommer 1945 in der japanischen Führung längst eine Friedensfraktion entstanden. Vor allem im Außenministerium war man sich der unvermeidlichen Niederlage bewusst. Der Botschafter in Moskau meldete u.a. nach Tokio: “Ich denke, dass Japan langfristig tatsächlich keine andere Wahl hat als die bedingungslose Kapitulation […] zu akzeptieren”.
Die Potsdamer Erklärung vom 27. Juli forderte als Konzession bereits nur die bedingungslose Kapitulation der Streitkräfte. Man wies sie dennoch offiziell zurück. Die Illusion, die Sowjetunion könne für Unterstützung in Verhandlungen gewonnen werden, war maßgeblich. Ein Kalkül, das am 9. August mit der sowjetischen Kriegserklärung endgültig zerbrach. Auch der japanischen Führung war nun klar, dass neben der militärischen auch die diplomatische Situation ausweglos war.
Es sei erwähnt, dass selbst nach dem 9. August die militaristischste Fraktion in Japan den Krieg fortsetzen wollte. Der Kapitulation beugte sie sich nur, weil sie vom Kaiser ausging. Hirohito sah sich dazu durch geopolitische Realitäten, nicht durch nukleare Vernichtung, zur Rettung der Monarchie gezwungen.
Warum also fielen die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki?
Geopolitisches Kalkül
Bereits 1944 hielt Eugene Dooman im US State Department fest, die eigentliche Frage im Pazifik sei “ob wir normale Rechte eines militärischen Besatzers oder oberste Autorität in Japan erhalten”. Wie die Kapitulation selbst war auch das Leben der Menschen in Hiroshima und Nagasaki geopolitisches Kalkül, nicht bloß das Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern die Eröffnungssalve des Kalten Kriegs.
Der Beginn des Kalten Kriegs
In China standen die KMT und die Kommunisten vor der Wiederaufnahme des Bürgerkriegs. Die Sowjetunion würde durch den Kriegseintritt weite Teile Ostasiens besetzen. Washington sah im Pazifik die zweite Front eines entstehenden Containment-Rings gegen Moskau. Japan sollte als US-Vorposten gegen den Sozialismus in Asien und die Ostflanke der Sowjetunion dienen. Als “unsinkbaren Flugzeugträger” für den US Imperialismus, wie später Premierminister Nakasone sagte.
Die Bomben steckten diesen Einflussbereich mit nuklearer Deutlichkeit ab. Formal ging die Kontrolle über Japan nach der Kapitulation an die Alliierten, de facto herrschte in Person des General Douglas MacArthur der US-Imperialismus über das Land. Die weiter bestehende zivile Regierung wurde von einem Stab aus hunderten US Beamten und Militärs dirigiert, die neue japanische Verfassung maßgeblich von ihnen vorgeschrieben. Derselbe MacArthur forderte nur fünf Jahre nach Hiroshima im Korea-Krieg den Einsatz von “30 bis 50 Atombomben” gegen Korea und China.
Kein kruder Humanismus, sondern geopolitisches Kalkül wogen schwerer als jedes Menschenleben.
Hiroshima heute
80 Jahre später wirkt diese Logik fort. Japan wird wieder bewaffnet. US-Waffen werden in Taiwan stationiert, ein Containment-Ring um China gezogen. Parallel soll Russland in der Ukraine besiegt werden, um die “zweite Front” im Kampf um die globale Neuordnung zu sichern. Die Stationierung von Atomwaffen in Büchel, Beschaffung atomfähiger Tomahawk-Mittelstreckenraketen und Diskussionen um “europäische” Atomwaffen müssen schärfste Warnung sein.
Die Pilzwolke über Hiroshima mahnt: In der Logik der notwendigen Neuaufteilung der Welt für die Expansion für das Kapital ist keine Zerstörung, kein Verbrechen undenkbar – solange die Konkurrenz um Einflussbereiche und Märkte es nötig macht.
